Kanu & Natur

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Im Oderbruch im August 2017

Geschrieben am 14.08.2017 in Kanutagebuch (2017) —   Alte-Oder, Gorgast, Oderbruch (Geändert am 22.10.2017)

Ich befinde mich für FlussInfo-Recherchen im Oderbruch nahe Gorgast. Da sehr gutes Wetter mit viel Sonne vorher gesagt ist, plane ich, ein schönes Stück Alte Oder zwischen Reitwein und Manschnow zu paddeln. Ein Teil dieses Abschnitts ist sehr schattig, weshalb ich auf helle, hoch stehende Sonne angewiesen in, um brauchbare Fotos bekommen zu können.

Einsetzstelle in Manschnow

Einsetzstelle in Manschnow: mein Holzkanu auf gemähtem Rasen

Am Vortag habe ich mir meine Einsetzstelle angesehen: in Manschnow kann ich direkt  oberhalb der Sohlgleite (Alte Gorgaster Mühle) an einem niedrigen Ufer in die Alte Oder einsetzen. Für mein Fahrzeug ist Platz, um tagsüber stehen zu bleiben. Gegen 8:44 Uhr lasse ich mein Holzkanu ins Wasser gleiten.

Alte Oder bei Neumanschnow

Alte Oder bei Neumanschnow

Zuerst ist das Wasser hier noch blank, doch je näher ich der Padde komme (Neumanschnow), umso mehr ist die Wasseroberfläche mit Entengrütze bedeckt. Eigentlich möchte ich dort in Neumanschnow am Rastplatz beim Anglerverein kurz aussteigen, um Fotos zu machen, aber zwei Gemeindearbeiter sind dort mit Pflegearbeiten beschäftigt. So nehme ich mir diese Aktion für meine Rücktour vor.

An einem höheren, recht steilen Hang erkenne ich eine Bibergleite, und im Maisfeld darüber ist eine kleine Fläche abgeerntet. Dann kann ich auch die Biberburg ausmachen. Trotz ihrer offensichtlich im Hang befindlichen Burg haben die fleißigen Baumeister noch symbolisch eine Kuppel aus Ästen aufgeschichtet.

Alte Oder bei Manschnow

Alte Oder bei Manschnow

Unterhalb dieser Raststelle ist die Wasseroberfläche wieder blank, und nur an den Ufern haben sich die schönen, üblichen Sumpf- und Wasserpflanzen ausgebreitet wie Froschbiss, Kalmus, Rohrkolben, Wasserminze und Pfeilkraut. Auch Teich- und Seerosen bedecken hier einen Teil der kleinen Buchten. Ich höre den spöttelnden Ruf eines Grünspechts, und dann sehe ich meinen ersten Eisvogel für heute, wie er von einem Ast auffliegt und sehr niedrig über der Wasseroberfläche dahin zischt, um sich in der Ferne den nächsten Ansitz zu suchen.

 

Rastplatz bei Neumanschnow - Herzershof

Rastplatz bei Neumanschnow - Herzershof

Allmählich wird die Alte Oder schmaler, und nachdem ich etwa eine Stunde gegen kaum merkbare Strömung an gepaddelt bin, wird aus dem etwa 20 bis 40 Meter breiten Fluss ein schmales Flüsschen. Jetzt ist auch deutliche Strömung spürbar, und es erscheinen die ersten umgestürzten Bäume. Nach einer Weile passiere ich ein altes Gemäuer und begreife, dass das hier die Reste einer Eisenbahnbrücke sein müssen. Auch an einer Ruine dessen, was einmal als Wirtschaftsgebäude am Ufer errichtet wurde und nun seit Jahren mit zugemauerten Fenstern den Baustopp erdulden muss, paddle ich vorbei. Es ist eines der wenigen Lebenszeichen von Neumanschnow am Ufer der Alten Oder.

Bauruine in Neumanschnow

Bauruine in Neumanschnow: ein Gebäude mit zugemauerten Fensteröffnungen - und einer verfallenen Anlegemöglichkeit für Schiffe.

Die nächste halbe Stunde vergesse ich beinahe Zeit und Raum, so eindrucksvoll schön ist dieses Flüsschen: etliche Baumhindernisse, unter denen ich meistens gerade noch hindurch passe oder über die ich mit ein paar Tricks hinweg rutsche. Die Ufer sind zerklüftet, der Wasserschwaden bildet viele scheinbare Einengungen. 

Ich erfreue mich an hier herrschenden Stille: es ist nicht nur der fehlende Zivilisationslärm, sondern ebenso die Stimmung, die sich durch das Fehlen menschlicher Aktivitäten einstellt. Konkret ist es hier so, dass auf einer Strecke von etwa 8 Kilometern beide Oderstränge parallel verlaufen und zwischen ihnen keine menschlichen Siedlungen stehen. Immer wieder sehe ich Eisvögeln hinterher. 

Alte Göritzer Vorflut

Alte Göritzer Vorflut

Ich erreiche eine Stelle, wo wieder Licht von oben zwischen dem Kronen der großen Erlen und Eichen hindurch scheinen kann: die Wasserfläche wird breiter, und ich begreife, dass ich beinahe die Stelle erreicht habe, wo Wasser der Oder zur Alten Oder geleitet wird. Es fließen hier zwei schmale Gewässer ineinander: die aus Richtung Lebus kommende Alte Göritzer Vorflut, davor Bullergraben genannt mit dem Wasser aus der Strom-Oder. 

Da ich mal muss, lande ich kurz an und schaue mich ein wenig um. Dieser Platz wird auch von Anglern genutzt und der GEDO holt hier abgeschnittenes Kraut aus dem Wasser. Alles ist aber relativ sauber. 

Alte Oder

Alte Oder: hier auch Alte Göritzer Vorflut genannt

Nach kurzer Zeit sitze ich wieder in meinem Kanu. Jetzt paddle ich am Rand des Bruchwalds entlang, das andere Ufer wird durch eine Wiese gebildet. In der Ferne erkenne ich bereits den hohen Oderdeich, und als mein Fließ eine Kurve bildet, kann ich auch das Häuschen sehen, dass tief unter sich den Durchleiter beherbergt. 

Das Kanälchen wird zusehends flacher, und die letzten 80 Meter erspare ich mir: es kratzte bereits einmal unter meinem Boot, es liegen Böschungssteine auf dem Grund. Das Ufer wird hier durch eine Pfahlreihe gebildet, und wo diese aufhört und in eine steinige Böschung übergeht, lande ich an und vertäue mein Holzkanu.

Durchleiter bei Reitwein

Durchleiter bei Reitwein: hier wird Wasser der Oder ins Oderbruch geleitet, ohne zu pumpen

Ich gehe zum Häuschen, lese alle Schilder und begrüße einige Fahrradfahrer, die hier am Oder-Neisse-Radweg entlang reisen. Dann schaue ich mich in aller Ruhe oben auf den Oderdeichen um, gehe ein wenig umher und telefoniere nach Hause. Die Sonne steht jetzt kurz vor Mittag recht hoch, und die Strahlung ist mir fast zuviel. Ich genieße aber den schönen Blick über die Oderlandschaft, den Altarm der Oder und die Oder selbst. Als ich das letzte Mal hier war, war es abends und ich konnte einen Biber am gegenüber liegenden Ufer des Altarms hin- und her schwimmen sehen.

Baumhindernisse in der Alten Oder

Baumhindernisse in der Alten Oder

Dann zieht es mich doch wieder zu meinem Boot, und ich paddle mit leichter Strömung zu der Stelle zurück, wo beide Fließe zusammen laufen. Anlanden, aussteigen und das Kanu hochziehen, das sieht wie eine ausgedehnte Pause aus. Mit meinem Essen und Tee verziehe ich mich in den Halbschatten und lasse die Natur auf mich wirken. Ich werde noch ruhiger als ich es ohnehin bereits bin. Aber dann bin ich plötzlich ganz aufgeregt: ich höre zwei Eisvögel, und dann noch einen dritten. Zwei fliegen das eine Fließ entlang und einer das andere. Sie treffen sich dort, wo auch das Wasser zusammen fließt. Und ich sitze mitten dazwischen! 

hängen geblieben

hängen geblieben

Ich lasse mir noch sehr viel Zeit, bevor ich meine Kisten wieder in mein Kanu packe und den Rückweg antrete. Auch auf der gesamten Rücktour habe ich keine Eile und genieße die schöne Natur, die Stille und meine eigene Bewegung an frischer Luft. Immer wieder sehe ich Eisvögel, und als ich dann in Neumanschnow beim Anglerheim noch einmal anlande, höre ich sogar noch einen Schwarzspecht. Kurz bevor ich Manschnow erreiche, höre ich einige junge Bussarde rufen, und dann sehe ich einen Altvogel herbei fliegen. 

Alte Oder bei Neumanschnow

Alte Oder bei Neumanschnow

Ich freue mich sehr darüber, diese schöne Kanutour im Oderbruch unternommen zu haben. Dieser Montag fühlte sich durch die Stille eher wie ein Sonntag an.

Da es noch recht früh ist, beschließe ich, bald weiter in Richtung Norden zu fahren und in Schwedt/Oder zu übernachten. Morgen will ich dann einen Teil meiner Familie und eine Freundin besuchen, die an der Westoder einen kleinen Campingplatz unsicher machen.

nicht befahrbarer Nebenarm der Alten Oder

nicht befahrbarer Nebenarm der Alten Oder

Geschrieben in Kanutagebuch (2017)