Kanu & Natur

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Solo-Kanutour von Havelberg bis Quitzöbel

Geschrieben am 12.07.2009 in Kanureisen (2009) —   Untere-Havel (Geändert am 05.07.2017)

Teil 12 von 13 in der Serie Solo-Kanutour auf der Unteren Havel 2009

Heute, am Sonntag, den 28.Juni 2009 bin ich fast am Ende meiner Kanureise in dieser außergewöhnlichen Flusslandschaft. Ich will heute die letzten 10,5 km von meiner Übernachtungsstation beim WSV Havelberg auf der Spülinsel bis zur Einmündung der Havel in die Elbe erkunden. Dafür habe ich meine Ausrüstung auf Tagesgepäck schrumpfen lassen, das Kanu ist also fast leer.

Havelufer unterhalb Havelberg

Havelufer unterhalb Havelberg

Das Wetter ist "gut" vorausgesagt und ich bin hinreichend früh dran. Schon um 8:18 Uhr sitze ich in meinem Holzkanu und paddle vergnügt aus Havelberg heraus. Die Stadt ist noch ziemlich still und es weht auch kaum Wind. Ich weiß, dass ich viel Zeit habe und verhalte mich entsprechend. Die Havel ist auch unterhalb Havelbergs mit viel Natur umgeben, vor allem am rechten Ufer wachsen viele hohe Weiden, Pappeln und Erlen. Bald bin ich an den letzten Häusern vorbei, und schon sehe ich etwas nicht gerade Alltägliches: ein Rotmilan sitzt auf einer kahlen Pappel und ich höre ein merkwürdiges Greifvogelschreien. Der da sitzt kann es nicht sein, und als ich weiter paddle, erkenne ich in einer nahen Baumgruppe einen Horst, in dem etwas sehr Puscheliges sitzt: ein junger Rotmilan bettelt um Futer! Er ist schon fast erwachsen, vor allem der imposante Schnabel ragt aus seinem Flaum deutlich heraus. Ich freue mich sehr über meine außergewöhnliche Entdeckung und setze meine Fahrt fort.

Die Ufer sind zwar überwiegend befestigt, es gibt jedoch viele Anlegemöglichkeiten. Bei km 148 liegt die alte Fähre "Otter", das war wohl die Elbfähre nach Sandau, die durch einen Neubau aus der Havelberger Werft ersetzt wurde. Meine Gedanken schweifen dahin, wie es wohl wäre, so einen Ponton als Basis für ein Wohnschiff zu nutzen...

An vielen Stellen stehen Graureiher, dann sehe ich wieder so einen großen Vogel in einem Totgehölz sitzen: es ist ein Seeadler, und er bleibt ruhig sitzen, als ich näherkomme. Es stört ihn nicht einmal, dass ein Exemplar seiner Todfeinde neben ihm sitzt: ein Rabe hat sich dort niedergelassen.

Schutzhütte für Fahrradfahrer

Schutzhütte für Fahrradfahrer

Ich sehe eine kleine Nur-Dach-Hütte am linken Ufer, das ist wohl eine Schutzhütte für Radfahrer. Rechts liegen die kleinen Orte "Toppel" und "Dahlen", vom dortigen Ufer steigt die Landschaft ein wenig an. Links ist das Ufer etwas kahl, es gibt selten Bäume, was sich aber auch bald wieder ändert: Es ist ab km 150 sogar wieder etwas zerklüftet und weist kleine Buchten auf.

Havelinsel bei Nitzow

Havelinsel bei Nitzow

Bei Dahlen gibt es auf einer Anhöhe einen bewaldeten Abschnitt, danach kommt eine sehr langgestreckte Havelinsel in Sicht. Ich beschließe, diese auf der Hintour rechts und auf der Rücktour links zu umfahren. Laut meiner Gewässerkarte (hier TA6) ist sie mehr als 500 m lang.

Havel bei Dahlen

Havel bei Dahlen

Am rechten Ufer liegen jetzt wieder mehrere Angelkähne, es ist also das nächste Dorf in der Nähe. Dann sehe ich eine Art sehr langgestreckten Dorfplatz, hinter dem die Grundstücke steil aufsteigen und die Häuser meist hoch am Hang gebaut wurden. Es gibt einen Bolzplatz und eine Badestelle. Gleich dahinter liegt ein Anleger mit verschieden hohen Schwimmstegen für Ausflugsschiffe und Yachten einerseits und Kleinboote andererseits. Als ich anlege, finde ich mich in einer Kindergruppe wieder, die etwa zwischen 5 und 9 Jährigen fragen mich alles Mögliche. Sie sind mit ihrem Vater da, der sich alles ruhig mit ansieht und sich nicht einmischt, was ich als sehr förderlich für die Kinder empfinde.

Hafen von Nitzow an der Havel

Hafen von Nitzow an der Havel

Es sitzen einige Angler am Steg, die Kinder fragen auch diese, bekommen jedoch keine Antworten und spekulieren, ob die wohl stumm seien. Dann kommt ein Boot, macht fest und der ankommende Angler redet mit den Sitzenden: Die Kinder konstatieren, dass sie ja durchaus zum Sprechen in der Lage seien und wundern sich nur.

Auch hier liegt am Ufer eine alte Fähre, die Gemeinde Nitzow hat sie angeblich schon einmal zum Abwracken gegeben, das Vorhaben dann aber wegen zu hoher Kosten aufgegeben. Jetzt spielen die Dorfkinder darauf, auch nicht schlecht. Sie ist immerhin etwa 160 qm groß.

Havel-Nebengewässer bei Nitzow

Havel-Nebengewässer bei Nitzow

Ich mache eine lange Pause, gehe "ganz hinten" in die Büsche. Danach esse ich einige Kräcker und Tomaten. Ich schlendere noch etwas umher, trinke von der Apfelsaftschorle, die ich mir heute morgen angemischt habe und mache mich dann wieder auf meinen Weg. Bis zur Elbe habe ich noch 6 km vor mir.

Bei Nitzow, Havel-Nebengewässer

Bei Nitzow, Havel-Nebengewässer

Am Ortsausgang von Nitzow gibt es noch einige Nebengewässer, sie werden teilweise als Anlegemöglichkeiten genutzt, beherbergen aber auch viele Stockenten und ein paar Schwäne.

Pausenplatz bei Havel km 154

Pausenplatz bei Havel km 154

An der nächsten Kurve liegt ein Übungsplatz der Bundeswehr, die rechte Böschung ist komplett betoniert. Die gesamte Anlage ist nur ein paar ha groß, ich habe gehört, dass es Zeiten gibt, an denen die Havel hier komplett gesperrt wird. Inwieweit das zutrifft, werde ich noch erkunden. Direkt hinter dem Gelände lande ich an, ich brauche mal wieder eine kleine Pause. Das Ufer ist zwar steinig, es gibt jedoch noch einige alte Weiden mit herausstehenden Wurzeln, an denen ich mein Kanu festbinden kann, während ich durch seichtes Wasser ans Ufer wate.

Nilgänse an der Havel

Nilgänse an der Havel

Es folgen die letzten 2 km bis zu den Wehren Quitzöbel (rechts) bzw. Neuwerben (so nennt man das linke Wehr). Die Umgebung ist sehr viel kahler, die Ufer fast baumlos. Ich treffe auf einer Landzunge 3 Nilgänse, sie schnattern auf eine Weise, die ich bisher noch nie hörte.

Rechts auf der Wiese steht ein Mast mit einem Horst, ein Blick ins Fernglas bestätigt mir, dass es sich hier um einen Fischadlerhorst handelt.  Da sehe ich auch schon einen der Altvögel herumfliegen. Sie lieben Strommasten und ähnliches als Brutplatz.

Havelnebengewässer vor dem Wehr Quitzöbel

Havelnebengewässer vor dem Wehr Quitzöbel

Von der linken Seite höre ich tiefes tierisches Brummen, dann sehe ich im Wasser und auch auf der Weide eine große Herde Mutterkühe stehen. Sie befinden sich auf einer Halbinsel, die ein Altgewässer von der Havel abtrennt und mit eigentümlichen Bäumen bestanden ist: halb trocken und halb grün, es könnten Weiden sein, ich habe keine Ahnung, weshalb sie so aussehen. Dann entdecke ich auf der gegenüber liegenden Seite des Altgewäsers eine riesige Ansammlung von Graugänsen, teil an Land und teils im Wasser. Zwischen denen im Wasser staksen 2 dunkle Wesen umher, im Fernglas sehe ich bestätigt, was ich vermutet habe: Schwarzstörche jagen im flachen Wasser kleine Fische und andere kleine Wassertiere. Darüber freue ich mich sehr, und ich kann sie eine Weile beobachten, bis sie auffliegen, als ein weiteres Kanu vorbei fährt.

Havelwehr bei Quitzöbel

Havelwehr bei Quitzöbel

Ich bin jetzt nahe an den drei Wehren. Laut meiner Gewässerkarte sollen die beiden rechten zum Gnevsdorfer Vorfluter führen und das linke direkt hier zur Elbe. Am mittleren wird gebaut, eine neue Spundwand sperrt es komplett von der Havel ab. Ich will links anlegen und evtl. umtragen. Also frisch vorgefahren bis zum Hauptwehr und links nach Anlegemöglichkeiten geschaut, wie es in meiner Karte aufgezeigt ist. Es sieht so aus, daß es nur Beton als Ufer gibt, aber als ich näherkomme, sehe ich eine Holzpfahlreihe dicht unter der Wasseroberfläche. Da paddle ich hin und steige aus meinem Holzkanu aus, ziehe es an Land. Ich nehme meine Wertsachen und erkunde die Umgebung.

Umtragestelle beim Havel-Wehr Quitzöbel

Umtragestelle beim Havel-Wehr Quitzöbel

Ich gehe über eine steile Treppe mit hohen Stufen den Deich hinauf, das Umtragen haben die vorher fahrenden Kanuten gerade hinter sich und steigen wieder in ihren Kajak-Zweier, um in Richtung Elbe weiter zu paddeln. Ich kreuze den Radweg, der hier über die Wehre von Quitzöbel über Neuwerben nach Havelberg führt und auf dem mehrere Radfahrergruppen unterwegs sind. Es ist 12:09 Uhr, als ich dort bin, und ich beschließe, ein wenig zur Elbe hinunter zu gehen. Ich wähle den linken Weg  an einem schönen Kiefernwald entlang und setze mich auf eine Bank, um den Blick auf die Elbe zu genießen. Diese hat mächtig Strömung. Ich gehe noch ein wenig weiter, bis ich eine kleine Bucht erreiche, in der ein Arbeitsschiff vertäut liegt. Ein Frachtschuber fährt vorbei und eine kleine Yacht folgt ihm. Die Sonne tut mir gut und es herrscht eine richtig schöne Sonntagsstimmung.

Wiedereinsetzen hinter dem Wehr

Wiedereinsetzen hinter dem Wehr

Wieder zurück beim Fahrradweg wende ich mich Richtung Nordwesten, um auch noch den beiden anderen Wehren einen Besuch abzustatten. Ich komme mit einer jungen Fahrradtouristin ins Gespräch, sie kommt aus Berlin will ihre Freundin in Hamburg besuchen. 

Hauptwehr Quitzöbel

Hauptwehr Quitzöbel

Das mittlere Wehr sieht ziemlich baufällig aus und eine Baustelle ist eingerichtet worden. Sehr viele Rauchschwalben haben jede nur erdenkliche Nistmöglichkeit ausgenutzt, sie fliegen in großer Zahl schrill rufend umher. Ich setze meinen Weg fort und finde nach einigen hundert Metern asphaltiertem Feldweg das Wehr, das zum Gnevsdorfer Vorfluter führt: hier kachelt sehr viel Wasser hindurch, mehr als beim vermeintlichen Hauptwehr.

Unbekannter Falter

Unbekannter Falter

Zwei ältere Damen mit Fahrrädern und viel Gepäck sprechen mich an, fragen mich nach den Wehren und Wasserverhältnissen. Sie wissen nicht, dass sie es hier mit der Havel zu tun haben, die in die bzw. in Richtung der Elbe fließt. Sie kommen gerade aus Wittenberge, waren aber auch schon in Dömitz und berichten von der Wanderdüne in Klein Schmölen. Wir haben sehr viel gemeinsamen Gesprächsstoff über Naturerlebnisse, gemeinsam sehe wir dann auch noch einen Fischadler jagen und hoch oben einen Seeadler segeln. Ich zeige ihnen die Wehranlagen und dann entdecken wir auf dem Weg ein seltsames Wesen: ein toter Schmetterling, der auch eine Art Libelle sein könnte. Als ich es auf der Hand habe, um ein Foto zu machen, fliegt es plötzlich weiter, hat sich also nur totgestellt.

Mündung der Havel in die Elbe

Mündung der Havel in die Elbe

Die Damen wollen sich in Havelberg für die Nacht einmieten, ich biete ihnen an, noch eine Abend-Kanutour zu unternehmen. Wir vereinbaren 20:00 Uhr als entscheidende Zeit: wenn sie dann da sind, kommen sie mit. Ich will auf jeden Fall paddeln.

Havel vor dem Wehr Quitzöbel

Havel vor dem Wehr Quitzöbel

Um kurz vor zwei paddle ich zurück, die beiden Alten finden es befremdlich, dass ich eine jetzt noch eine 3-stündige Fahrt vor mir habe. Es ist eben etwas ganz anderes als mit dem Fahrrad.

Biberburg auf einer Havelinsel

Biberburg auf einer Havelinsel

Auch das Zurückpaddeln ist noch ganz spannend, allerdings paddle ich gegen etwas Strömung und habe nicht mehr das schöne Gefühl, alle Zeit zu haben. Auch jetzt sehe ich einen Fischadler, zwei weitere Nilgänse und die drei von vorhin, entdecke eine 2-stöckige Biberburg auf der langen Insel und sehe auch die Rotmilane wieder. Diesmal sind beide Elternteile anwesend. Ich treffe auch noch eine Brandgansfamilie mit Jungen.

Beim WSV komme ich gegen 17:35 Uhr an. Sofort gehe ich duschen, bin total durchgeschwitzt. Dann mache ich mir etwas zu essen, diesmal koche ich mir Nudeln und brate mir dazu ein paar Eier, die ich am Vortag noch kaufte. Zum Glück gibt es im WSV einen Kühlschrank.

Nach dem Abwasch mache ich das Kanu klar, schaffe vor allem einen zusätzliche Sitzmöglichkeit, da ich nur 2 Sitze auf meine Kanutour mitgenommen habe. Ein halb gefüllter Packsack muß dafür herhalten, als Rückenlehne dient ein Sitzkissen und meine Schwimmweste, beides nutzt den Querholm zum Abstützen.

Kurz vor 20:00 Uhr kommen die beiden tatsächlich, was mich sehr freut. Wir steigen ein und paddeln Havelaufwärts links um die Stadtinsel herum schon davon sind die beiden sehr angetan, es ist ja auch eine ganz andere Perspektive. Dazu kommt, daß diesen Sonntag Abend eine sehr schöne Stimmung und windstilles Wetter herscht.

Unser Kanu gleitet gar nicht mal so langsam durch die ruhigen Fluten, auch als ein Motorboot erhebliche Wellen verursacht, finden die beiden das nur lustig. Im Gespräch stellt sich heraus, dass die beiden Bethel-Schwestern im Ruhestand sind. Sie reisen viel und erzählen von Lappland etc. Dann sind wir aus Havelberg heraus, links liegt eine Art "Lagune", eine sehr flache Bucht, die durch eine langgestreckte Halbinsel von der Havel abgetrennt ist. In diese Bucht paddeln wir hinein, ein Fischer meint, es wäre zu flach, um beim anderen Ausgang wieder die Havel erreichen zu können. Wir treffen einen Eisvogel und dann sehe wir auch noch einen Schwarzstorch, der zuerst noch im flachen Wasser watet und dann leider auffliegt. Dann liegen wir im Schlick auf, müssen umdrehen. Wir sehen noch eine Biberburg, es ist allerdings niemand zu sehen oder zu hören, der dort wohnen könnte.

Wieder auf der Havel, gibt es links am Ufer Bewegung: eine Minkfamilie mit 4 Jungen, die fast erwachsen sind, gleitet langsam ins Wasser und versteckt sich im Schilf. Auch ein Waschbär lässt sich blicken. Wir paddeln noch weiter, an manchen Anglern vorbei,  bis wir gegen 21:00 Uhr beschließen, umzudrehen und nach Havelberg zurück zu fahren. Die Bethel-Schwestern sind sehr froh, mitgekommen zu sein. Als wir gegen 21:45 Uhr wieder nahe der Spülinsel angekommen sind, ist es schon ziemlich dunkel geworden. Da platscht es kräftig einige Meter links vor uns an der kleinen Insel, ein Biber taucht kurze Zeit später weiter rechts auf. Ein zweiter kommt hinzu und dann sehen wir, wie ein großer, erwachsener Biber eine steile Gleite langsam zum Ufer hinunterrutscht. Zum Schluß sind es 5 Biber, die so in unserer Nähe herumschwimmen. Wir bekommen das Gefühl, dass sie etwas von uns wollen, da sie immer wieder bis auf etwa 3 m an uns heranschwimmen und sich dann wieder etwas entfernen. Wir können uns das nicht erklären, sind jedoch froh über das, was wir erleben. Erfüllt von soviel Naturgenuß paddeln wir zurück zum WSV, die beiden helfen  mir noch, das Kanu auf den Bootswagen zu legen. Dann verabschieden wir uns herzlich voneinander. Ich schaffe noch alles ins Kanu, fahre es zu meiner Unterkunft hoch und gehe dann auch schlafen. Heute waren es wieder fast 30 km, das reicht mir. Ich schlafe sehr gut in dieser Nacht zum Montag, nachdem ich noch einmal zu Hause angerufen und meine Erlebnisse berichtet habe.